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Kurpfälzer Meile der Innovationen

Mannheimer Gen 2005

2005 Mannheimer Gen

Fokko van der Woude (1953 - 2006)

Fokko van der Woude wird am 30. September 1953 im niederländischen Leeuwarden  geboren.

Nach dem Abitur hätte er gern an der Musikhochschule Geige studiert. Die Familie lebt aber in einfachen Verhältnissen, und sein Vater möchte, dass der begabte Sohn einen Beruf erlernt, mit dem er später eine Familie ernähren kann. Fokko fügt sich und studiert von 1970 bis 1977 in Groningen Medizin. Der Geige bleibt er stets treu; sie wird sein liebstes Hobby.

Seine klinische Ausbildung absolviert der Medizinalassistent van der Woude von 1977 bis 1982 am Zentrum für Innere Medizin am Groninger Universitätsklinikum. Im Universitäts-Orchester lernt er seine Frau Riet kennen, und im Jahre 1978 heiraten die beiden. 1979 kommen die Zwillinge Joanne und Diane zur Welt.

Mit der Approbation als Internist beginnt seine wissenschaftliche Laufbahn. Er wird  Assistent in der Nephrologie der Universität Groningen und bildet sich von 1982 bis 1985 zum Nephrologen, einem Facharzt für Nierenheilkunde, weiter. Schon während der Facharztausbildung beginnt er, Immunkomplexe zu erforschen. Dabei findet er heraus, dass das Serum von Patienten, die an der „Wegenerschen Granulomatose“ (eine entzündlich-rheumatischen Autoimmun-erkrankung des Gefäßsystems mit häufiger Nierenentzündung) erkrankt sind, auf eine ganz besondere Weise an den neutrophilen Granulozyten haftet. Neutrophile Granulozyten bilden die größte Untergruppe der weißen Blutkörperchen und sind Teil des zellulären Immunsystems.

Dies führt 1985 zur Entdeckung und Erstbeschreibung des Nachweises von anti-neutrophilen zystoplasmatischen Antikörpern bei Vaskulitis, kurz ANCA genannt. Unter Vaskulitis versteht man Gefäßentzündungen, die durch  autoimmunologische Prozesse  hervorgerufen werden.(1)

Mit dieser Entdeckung wird er in Fachkreisen international bekannt. Der Begriff "ANCA" ist mit dem Namen Fokko van der Woude verbunden. Der auf der Grundlage seiner Forschungen entwickelte Labortest ist bis heute weltweiter Standard bei der Diagnostik von Gefäßentzündungen (Vaskulitiden). Dies bedeutet für Patienten eine einfachere und schnellere Feststellung bestimmter Arten von Vaskulitiden als es zuvor möglich war. Nun ist zur Diagnose keine Biopsie mehr erforderlich, sondern die Krankheit kann serologisch diagnostiziert werden und ihr Verlauf lässt sich überwachen.

Die Forschungen von Fokko van der Woude verändern grundlegend das Verständnis von Gefäßerkrankungen. Dies wird unter anderem in der heutigen offizielle Nomenklatur und Einteilung dieser Krankheitsbilder in ANCA-assoziierten und nicht ANCA assoziierten Gefäßerkrankungen sichtbar.(2)

1985 veröffentlicht er seine Doktorarbeit über die Immunkomplexbildung bei Glomerulo-Nephritis, einer speziellen Form der Nierenentzündung, und Vaskulitis beeinflussende Faktoren und veröffentlicht auch die Beschreibung des Nachweises von ANCA. (3)

Dr. van der Woude erhält ein Post Doc-Stipendium  und arbeitet bis 1987 in der Abteilung für pädiatrische Nephrologie (Nierenerkrankungen des Kindesalters) an der University of Minnesota (USA). In dieser Zeit kann er vielfältige internationale Kontakte knüpfen. Aus den USA zurückgekehrt, wird er an der renommierten Universität von Leiden Oberarzt für Nephrologie und leitet das Nieren- und Pankreas Transplantationsprogramm. Dabei erforscht er die Rolle des Hirntodes bei der Bestimmung des Transplantatüberlebens.

Im Jahre 1995 wird Prof. van der Woude als Direktor der V. Medizin und ordentlicher Professor für Innere Medizin an das Mannheimer Universitätsklinikum berufen. Zu den Schwerpunkten seiner klinischen und wissenschaftlichen Arbeit zählen insbesondere durch Diabetes hervorgerufene Nierenerkrankungen, Transplantationsmedizin sowie Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen.

Am 26. Juni 1997 gründet Prof. van der Woude zusammen mit seiner Frau Riet und Prof. Carl-Heinrich Esser in Mannheim die Deutsche Nierenstiftung.  In den Niederlanden und auch den USA hatte van der Woude die segensreiche Arbeit von Nierenstiftungen kennengelernt. In Deutschland jedoch gab es keine solche Einrichtung. Mit großem persönlichem Engagement der Gründer gelingt es der Deutschen Nierenstiftung Mittel für die nephrologische Forschung sowie die Sozialarbeit für Dialysepatienten zu beschaffen. Sie finanziert auch Stipendien und betreibt bundesweit Aufklärungsarbeit über Nierenerkrankungen.

Nierenerkrankungen sind eine der häufigsten Spätfolgen von Diabetes. Fast 40 % aller an Diabetes Erkrankten sind davon betroffen. Wird die diabetische Nephropathie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann sie zum Nierenversagen führen, bei dem eine regelmäßige Dialyse oder sogar eine Transplantation erforderlich wird.

Doch warum bleiben die meisten Diabetiker davor verschont? Bei einer großen türkischen Familie wird festgestellt, dass in ihr häufig Diabetes-Erkrankungen mit der Spätfolge einer Nephropatie auftreten. Könnte hier also eine Vererbung eine Rolle spielen? Macht van der Woude eine  klinische Beobachtung, versucht er im Labor die pathophysiologischen Grundlagen herauszufinden, wie er auch umgekehrt im Labor gewonnene Erkenntnisse in die Klinik einbringt.

Ihm und seinen Mitarbeitern gelingt es gemeinsam mit Dr. Bart Janssen und dessen Kollegen vom Institut für Humangenetik der Universität Heidelberg, das für die Bildung des Enzyms Carnosinase verantwortliche Gen CNDP1 auf Chromosom 18 zu kartieren und einen Nachweis für die Annahme einer erblich bedingten diabetischen Nephropathie zu finden.

Die Anzahl und Kombination der Aminosäuren im Gen CNDP1 beeinflusst, wie viel Carnosinase freigesetzt wird. Untersuchungen an Patienten ergeben, dass es drei verschiedene Varianten dieses Gens gibt. Bei der Variante mit der längsten Folge von DNA Basen wird viel von dem Enzym Carnosinase produziert und ausgeschüttet. Dieses Enzym spaltet das Mini-Eiweiß Carnosin auf. Ein hoher Anteil an Carnosin im Blut aber, so das Ergebnis von Versuchen mit Nierenzellen, schützt vor den schädlichen Auswirkungen eines hohen Glukosespiegels und verhindert damit Nierenzellschäden.

Die kürzeste Gen-Variante, die CNDP1-Mannheimer Variante, auch  Mannheim-Gen genannt, weist mit nur 2185 Basen die geringste Enzymproduktion auf. Eine klinische Studie unter Leitung von Prof. van der Woude zeigt, dass Diabetiker ohne Nierenerkrankung überwiegend über das Mannheim-Gen verfügen. Bei ihnen wird ein vergleichsweise hoher Anteil an nierenschützendem Carnosin im Blut gemessen. Die längere Gen-Variante weisen dagegen vor allem Patienten mit diabetischer Nephropathie auf. Diese Forschungsergebnisse werden 2005 in der August-Ausgabe von „Diabetes“, einer international bedeutenden Fachzeitung für Diabetesforschung, veröffentlicht.

Seine Begeisterung für die Wissenschaft, seine  gründliche Beobachtung und seine Selbstdisziplin führen zu einem beeindruckenden Umfang an Forschungen und mehr als 300 wissenschaftlichen Publikationen. Prof. van der Woude ist ein international gefragter Experte.

Auch als Hochschullehrer erwirbt sich Prof. van der Woude große Verdienste. 2001 wird er stellvertretender Dekan für die medizinische Ausbildung an der Mannheimer Fakultät und betreut eine große Anzahl an Abschlussarbeiten wie auch Habilitationen. Seine Studenten und Doktoranden profitieren von seinem großen Interesse an ihrer Ausbildung und seinem interdisziplinärer Ansatz. Nach Groninger Vorbild gründet er im Jahre 2002 in Mannheim das Programm „Junior Scientific Masterclass“ mit dem Ziel, wissenschaftliche Grundlagen der Medizin verstärkt in den klinischen Studienabschnitt zu integrieren. Es wird heute unter dem Namen „Fokko van der Woude-Kolleg“ weitergeführt.

Die klinische Versorgung der Patienten, die Qualität des Lehrprogramms und die wissenschaftliche Forschung finden international Beachtung und machen Mannheim führend in der deutschen Nephrologie.

Im Alter von nur 53 Jahren verstirbt Prof. van der Woude am 4. Dezember 2006 nach langer, schwerer Krankheit. „Seine umfassende Kenntnis und sein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl verband er mit einem sehr hohen Engagement sowohl im Klinikalltag als auch in der Forschung und Lehre. Dabei erwarb er sich außerordentlich hohes Ansehen weit über die Region und über die Fachkreise hinaus“ würdigt das Mannheimer Klinikum Prof. Fokko van der Woude.

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