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Lutfschiff Schütte-Lanz 1911

Johann Schütte 1873-1940

Johann Schütte 1873-1940

Luftschiff Schütte-Lanz 1911

Das erste Luftschiff war ein von Henri Giffard (1) im Jahre 1852 gebauter länglicher Ballon. Mehr als vierzig Jahre später konstruierte David Schwarz (2) in Berlin das erste sogenannte Starrluftschiff mit einem aus dem damals neu entwickelten Aluminiumblech bestehenden Traggerippe, das den Bau eines großen Luftschiffes mit höherer Nutzlast und größerem Einsatzradius ermöglicht. Graf Ferdinand von Zeppelin (3) war Ende 1897 Augenzeuge der ersten Testfahrt dieses Luftschiffes, das bei der Landung jedoch zerbrach. Graf Zeppelin kaufte die Patente und Konstruktionszeichnungen und verwendete sie für die Konstruktion seines ersten Luftschiffes, das bereits im Juli 1900 am Bodensee aufstieg. Die Zeppeline wurden zum Synonym für Luftschiffe.

Die Mannheimer sind begeistert, als sie am 4. August 1908 erstmals einen Zeppelin über ihre Stadt gleiten sehen. An Bord: Graf Zeppelin auf einer Demonstrationsfahrt für das Militär. Doch Probleme mit dem Motor erzwingen eine Landung in Echterdingen bei Stuttgart, wo der Zeppelin, durch starken Wind aus seiner Vertäuung gerissen, in einem Baum hängenbleibt und vom austretenden Wasserstoff in Brand gesetzt wird. In der Hitze schmilzt sogar das Aluminium-Gerippe.

Dieses Unglück ruft eine überwältigende Hilfsbereitschaft im gesamten Kaiserreich hervor. Bei der „Zeppelinspende des deutschen Volkes“ werden sechs Millionen Goldmark für den Bau eines neuen Luftschiffes gesammelt. Zum Andenken an den 5. August werden aus dem geschmolzenen Aluminium sogar Löffel angefertigt. Der Mannheimer Industrielle Karl Lanz allein spendet 50.000 und bietet Zeppelin einen Bauplatz in Mannheim an. Und Johann Schütte fühlt sich als Ingenieur aufgerufen, zur Verbesserung der Zeppelin-Konstruktion beizutragen.

Der am 29. Februar 1873 in Oldenburg geborene Johann Schütte, Sohn des Oberhofkommissionärs und Kapitäns Heinrich Wilhelm Schütte, besucht nach der Grundschule bis 1892 die Oberrealschule in Oldenburg. Dort wird er nicht nur in modernen Fremd-sprachen, sondern auch in naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtet. Seine der See eng verbundene Familie fördert das Interesse des jungen Johann an Schiffen und Schiffsbau. Nach dem Abitur und einem einjährigen Schiffbau-Praktikum studiert er an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg Schiffsbau. Im Kaiserreich ist das ein wichtiges Studienfach, denn der Aufbau einer Flotte ist von nationalem Interesse.  Noch bevor er sein Studium 1897 mit Auszeichnung abschließt, wird der 25-jährige Ingenieur bei der Schiffsbauversuchsanstalt des Norddeutschen Lloyd eingestellt.

Ein Jahr später heiratet er Henriette Bertha Addicks, die Tochter eines Reeders aus Bremerhaven. Als 1899 der Sohn Wilhelm und 1901 die Tochter Dorothea zur Welt kommen, ist das Glück der jungen Familie vollkommen.

Auch beruflich ist Schütte erfolgreich. Als der neu gelieferte Schnelldampfer „Kaiser Friedrich“ nicht die vertraglich vereinbarte Geschwindigkeit erreicht, findet Schütte die Ursache hierfür heraus. Daher wird ihm die Aufgabe übertragen, in Bremerhaven eine Versuchsstation zur Erforschung einer optimalen hydrodynamischen Form für die Schiffe des Norddeutschen Lloyd aufzubauen. An dieser 1900 eröffneten Abteilung für Schiffbautechnische Versuche untersucht Schütte den Wasserwiderstand unterschiedlicher Schiffsformen und wird bald zu einem international gefragten Experten auf dem Gebiet der Hydrodynamik.

Unter anderem erfindet er ein Gerät zur Messung von Schiffsschwingungen und einen nach ihm benannten Schiffskessel für kleine Schiffe, wofür er bei der Weltausstellung 1904 sogar mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wird. Aufgrund dieser Leistungen, aber auch wegen seiner Loyalität und der Fürsprache von Kaiser Wilhelm II. wird Johann Schütte im Mai 1904 mit nur 31 Jahren als Professor an den Lehrstuhl für Theorie und Entwurf von Schiffen der neu gegründeten Technischen Hochschule Danzig berufen.

Als Johann Schütte nach dem Unglück von Echterdingen am 14. August 1908 dem Grafen Zeppelin in einem Brief eine Reihe technischer Verbesserungsvorschläge übermittelt, ist er bereits ein im gesamten Kaiserreich anerkannter Experte. Doch der Graf lässt die wohlmeinenden Ratschläge unbeachtet. Daher fühlt sich Schütte dazu herausgefordert, ein dem "Zeppelin" überlegenes eigenes Luftschiff zu bauen.

Schütte beginnt, sich intensiv mit der Luftfahrt zu beschäftigen und fertigt erste Konstruktionszeichnungen an. Seine profunden Kenntnisse in der Hydrodynamik erleichtern ihm den Zugang zur neuen Wissenschaft der Aerodynamik. Um aber ein Luftschiff zu bauen, benötigt Schütte viel Kapital. Aber er hat Glück: auf der ersten deutschen Schiffbau-Ausstellung 1908 in Berlin begegnet er dem wohlhabenden und von der Luftfahrt begeisterten Mannheimer Unternehmer Karl Lanz.

Karl Lanz (7) wird nach den Schwestern Helene, Emily und Valentine am 18.5.1873 als einziger Sohn des Landmaschinenproduzenten Heinrich Lanz und seiner Frau Julia (8) in Mannheim geboren. Er legt 1892 am Karl-Friedrich-Gymnasium das Abitur ab, leistet zunächst einen einjährigen Militärdienst und beginnt 1894 an der Technischen Hochschule Hannover Maschinenbau zu studieren. Bereits drei Jahre später legt er in Berlin-Charlottenburg sein Examen ab und tritt anschließend in das väterliche Unternehmen „Heinrich-Lanz & Co“ (9), dem bedeutendsten europäischen Hersteller landwirtschaftlicher Maschinen ein. 1903 heiratet Karl Lanz Eleonora Gisella Giulini (10), die Tochter eines vermögenden Industriellen. Das glückliche Paar hat 5 Kinder. Als Heinrich Lanz 1905 stirbt, übernimmt Karl Lanz die Leitung der Firma und entwickelt sie mit großem Erfolg weiter.

Karl Lanz ist an technischen Innovationen interessiert und fördert sie großzügig. So finanziert er Wettrennen für Motorboote wie die „Rheinwochen“ und die „Bodenseewochen“.  Sein größtes Interesse aber gilt der noch jungen Luftfahrt, die in Amerika, aber auch in Frankreich bereits intensiv gefördert wird. In Deutschland hat sie bis dahin noch keine besondere Beachtung gefunden. Lanz dagegen erkennt weitsichtig die große Zukunft der Flugapparate als Verkehrsmittel und stiftet im April 1908 den mit 40.000 Goldmark ausgestatteten „Lanz-Preis der Lüfte“. Mit ihm werden deutsche Flugzeug-Konstrukteure, deutsche Piloten und der Bau deutscher Flugzeuge gefördert. Lanz ist auch Präsident des 1908 in Mannheim gegründeten "Deutschen Luftflottenvereins", der sich die Schaffung einer deutschen Luftflotte zum Ziel setzt und alsbald in Friedrichshafen die erste Luftschifferschule initiiert.

Daher kann Johann Schütte den gleichaltrigen Karl Lanz schnell von dem Bau eines völlig neuartigen Luftschiffs begeistern. Als Lanz spontan seine Unterstützung zusagt, beginnt Schütte, die Konstruktion des stromlinienförmigen Luftschiffes voranzutreiben. Am 22. April 1909 wird die Zusammenarbeit vertraglich besiegelt und die Gesellschaft „Luftschiffbau Schütte-Lanz “ mit Sitz in Mannheim-Rheinau gegründet. Johann Schütte übernimmt die technische Verantwortung. Karl Lanz stellt nicht nur das notwendige Kapital zur Verfügung, sondern in Mannheim-Rheinau nahe dem jetzigen Rheinauer See, heute auf Brühler Gemarkung, auch ein großes Gelände für die künftige Werft.

Bald darauf nimmt die neu gegründete Gesellschaft ihre Arbeit auf, zunächst bis zum Bau der Fertigungshallen als Abteilung der Heinrich-Lanz-Werke. Als im Juli 1909 der Bau der Montagehalle beginnen soll, bereitet der aus Sand und Lehm bestehende Boden unerwartete Probleme und führt mehrfach sogar zum Einsturz des Rohbaus. (12) Nach einigen Verbesserungen können die Bauarbeiten trotz Konkurses der Baufirma zu Ende geführt werden (13). Die weiteren Gebäude, wie zum Beispiel Tischlerei, Schlosserei, Holztrockenraum, Büros und Arbeiterunterkünfte folgen später ebenso wie Werksstraßen und Geleise. Sogar an eine Schankwirtschaft wird gedacht.

Im September kann in der 135 m langen Halle mit der Montage des tragenden Gerüsts des ersten Schütte-Lanz Luftschiffes SL 1 begonnen werden (14, 15). Im Gegensatz zu dem beim Zeppelin für das Gerippe verwendeten Aluminium entscheidet sich Schütte für Sperrholz. Dieser elastische Werkstoff ist leichter als Aluminium und besteht aus mehreren miteinander verleimten Holzschichten, deren Fasern jeweils im rechten Winkel zueinander verlaufen, was ihm eine große Zugfestigkeit verleiht und auf Turbulenzen flexibler reagieren lässt. Ein Vorteil von Holz ist auch, dass es den Motorenlärm besser dämpft. Außerdem ist Sperrholz gegen Stöße sehr widerstandsfähig, und Brüche lassen sich leicht reparieren. Leider aber genügt der beim Verleimen verwendete Klebstoff zunächst noch nicht den hohen Anforderungen, denn er nimmt mit der Zeit Feuchtigkeit auf. Ein im eigenen Haus entwickelter wasserbeständiger Leim, der später als Luward-Leim auf den Markt kommt, schafft Abhilfe. Auch die Stabilität der Verbindungen im Gerippe wird verbessert, indem sie mit Platten und Winkeln aus Aluminium versteift werden.

Das Innere des Luftschiffs ist in mehrere Zellen aufgeteilt, wodurch die Tragfähigkeit des Luftschiffs auch bei Beschädigung einzelner Zellen gewährleistet bleibt.  Diese Zellen werden mit auf Baumwollstoff aufgebrachter Darmhaut gegen den Austritt von Gas abgedichtet. Zusätzlich sind die Zellen mit einem Gasschacht ausgestattet, der eventuell entweichendes Gas schnell an ungefährlicher Stelle aus dem Luftschiff ableiten kann und damit das Schiff vor explodierendem Gas schützt. Ein Luftraum trennt die mit Wasserstoff gefüllten Zellen von der Außenhülle und schützt sie so vor direkter Sonneneinstrahlung. Schließlich wird außen auf das Gerippe ein Spannlack aufgetragen und ein leichter Bauwollstoff möglichst faltenfrei daraufgelegt. Auch der Stoff wird mehrfach mit Spannlack getränkt. Das in ihm enthaltene Lösungsmittel verdunstet und sorgt am Ende für eine gleichmäßige Spannung des Stoffs, der durch den Lack zugleich auch luftundurchlässig geworden ist und nach einer abschließenden Lackschicht eine strapazierfähige und glatte Außenhülle bildet, was den Luftwiderstand reduziert. Dieses Verfahren wird später auch beim Flugzeugbau angewendet und hat den Vorteil, dass bei einer Beschädigung einfach ein neues Stück Stoff auf die Außenhülle geklebt werden kann.

Die beiden am Luftschiff befestigten Gondeln (17) werden so aufgehängt, dass sie während der Fahrt in ihrer Position bleiben, bei der Landung jedoch nachgeben. Dadurch werden bei einer harten Landung auftretende Kräfte nicht auf das Luftschiff selbst übertragen. Die Propeller werden von zwei Benzinmotoren mit einer Leistung von insgesamt 500 PS angetrieben. Das Luftschiff erhält sogar ein Funkgerät mit einer Reichweite von 400 km und kann auf diese Weise von einer eigenen, neben der Montagehalle errichteten und mit einem 45 m hohen Sendemast (18) versehenen Funkstation aus mit aktuellen Wetternachrichten versorgt werden.

Obwohl viele Probleme die Fertigstellung des Luftschiffs verzögern, wird es noch während der Bauzeit am 30. April 1910 in Anwesenheit des badischen Großherzogs Friedrich II. feierlich getauft (19). In seiner Taufrede zeigt sich Karl Lanz zuversichtlich, dass der technische Fortschritt in eine bessere Zukunft führen und das Luftschiff bei der Eroberung der Luft einen Beitrag leisten wird.

Nur einen Monat später erleidet die Fertigstellung einen erneuten Rückschlag: in der Nacht vom 30. Mai auf den 31. Mai wird auf das Luftschiff ein Anschlag verübt, bei dem die Außenhülle mit 60 Messerstichen beschädigt wird. (Reclams Universum Weltrundschau). Bis das Luftschiff mehr als ein Jahr später fertiggestellt ist, hat sein Bau 1,7  Millionen Goldmark verschlungen. Als das von Karl Lanz eingebrachte Kapital aufgezehrt ist, helfen seine Mutter Julia Lanz (20) und sein Schwager August Röchling mit neuem Kapital.

Am 11. Oktober 1911 soll endlich der Jungfernflug stattfinden. Aus der Kaiser-Wilhelm-Kaserne werden 120 Soldaten dazu abkommandiert, das Luftschiff aus der Montagehalle zu ziehen (21). Bald darauf steigt das mit 20.000 Kubikmeter Wasserstoffgas gefüllte und 130 m lange Luftschiff mit Prof. Schütte an Bord langsam auf 200 m Höhe und fährt Richtung Speyer davon. Als es über dem Werksgelände der Firma Heinrich Lanz auftaucht, bricht dort großer Jubel aus.

Doch bald nach dem Start versagt die Steuerung. Zunächst zieht das SL 1 noch Kreise, muss dann aber durch die Ventile Gas ablassen und nach nur 50-minütiger Fahrt bei Waldsee auf freiem Feld notlanden. Dabei wird es jedoch nicht beschädigt und kann am nächsten Tag repariert wieder zur Werft zurückkehren.

Es folgen noch viele weitere Testfahrten, von denen einige erwähnenswert sind, wie etwa die erste Rundfahrt über Mannheim am 1. November 1911, die einer Sensation gleicht. Weniger erbaulich verläuft die Fahrt am 13. April 1912, als die SL 1 über Mannheim dem Zeppelin „Viktoria Luise“ begegnen soll. Denn kurz nach dem Start drückt eine Böe das SL 1 aus 300 m Höhe zu Boden. Dabei werden einige Mitglieder der Besatzung aus der Gondel geschleudert, während Schütte mit den restlichen im wieder hoch gestiegenen Luftschiff zunächst manövrierunfähig über dem Rhein treibt, bevor es bei Altrip in den Bäumen hängen bleibt. Glücklicherweise wird niemand ernsthaft verletzt. Doch die Gondeln und die Hülle sind so schwer beschädigt, dass das SL 1 nicht mehr aus eigener Kraft zur Werft zurückfahren kann, sondern von Soldaten aus den Bäumen befreit, über den Deich zum Rhein geschleift und von einem Dampfer zurück transportiert werden muss.

Nur drei Monate später bewältigt das SL 1 nach ihrer Reparatur problemlos seine erste Fernfahrt ins mehr als fünf Stunden entfernte Köln. 

Noch aber liegt für das teure Luftschiff kein einziger Auftrag vor. Weder Unternehmen noch Privatkunden können es sich leisten. Als Karl Lanz zu erkennen gibt, dass er kein weiteres Kapital investieren möchte, versucht Schütte im Ausland Käufer für seine Technologie zu finden. Als aber das SL 1 mit einer 16-stündigen Fahrt nach Berlin seine Leistungsfähigkeit und Betriebszuverlässigkeit unter Beweis stellen kann (25), wird es von der deutschen Heeresverwaltung für 550.000 Mark gekauft und ihr am 30.12.1912 übergeben. Vielleicht hat der drohende Verkauf ins Ausland die Kaufentscheidung beschleunigt.

Das SL 1 steht nicht lange im Dienst des Heeres. Schon ein halbes Jahr nach der Übergabe muss es nach einer Übungsfahrt auf freiem Feld landen und wird bei einem aufkommenden Gewittersturm völlig zerstört. Wenn auch das SL 1 technisch noch nicht ausgereift ist, so kommen doch die bei seinem Betrieb gesammelten Erfahrungen und vorgenommenen Verbesserungen dem SL 2 zugute, mit dessen Bau gleich nach Auftragserteilung durch das Heer begonnen wird.

In dieser Zeit brodelt es in Europa gewaltig. Die innenpolitischen Verhältnisse werden zunehmend instabil, und der im Oktober 1912 auf dem Balkan ausgebrochene Krieg führt zu Spannungen zwischen verschiedenen europäischen Ländern und schließlich zur Bildung von zwei sich feindlich gegenüberstehen Blöcken: auf der einen Seite Österreich, Italien und das Deutsche Reich und auf der anderen das Zarenreich, das Serbien zur Seite steht und dem sich Frankreich und Großbritannien anschließen.

Damit setzt ein gefährliches Wettrüsten ein, was sich auch auf den Bau der Luftschiffe auswirkt, die nun insbesondere auch militärischen Zwecken genügen müssen.  Frankreich stellt die „République“ in Dienst, Italiens Luftschiffe bombardieren bereits 1911 türkische Stellungen. Auch Zeppeline werden für militärische Zwecke eingesetzt und bombardieren Ende August 1914 Antwerpen.

Daher wird das SL 2 nicht nur technisch verbessert, sondern auch für einen militärischen Einsatz vorbereitet.

Das Luftschiff verfügt nun über vier aus Röchling-Stahl gefertigte Gondeln. Die vordere Gondel ist für die Besatzung bestimmt. In den beiden Seitengondeln sind zwei Maybach-Motoren untergebracht und in der hinteren Gondel weitere zwei Motoren, mit denen die Luftschraube angetrieben wird.

Kreuzförmiges Heck mit Seiten- und Höhenrudern sowie die im Schiffbau bewährten Fischflossen ähnlichen Leitwerke stellen weitere Innovationen dar. Besonderer Clou ist der als Kiel nach innen verlegtem Laufgang, der nicht nur alle Schiffseinrichtungen sich miteinander verbindet, sondern auch zur Verringerung des Luftwiderstandes beiträgt. Er bietet auch den Vorteil, dass Lasten wie Wasser, Öl, aber auch Bomben statisch günstig verteilt werden und vom Kiel aus einfach abgeworfen werden können.

Das Luftschiff SL 2 ist mit 144 m Länge, einem Durchmesser von 18,2 m und einem Gasvolumen von 24.500 m³ das größte, modernste und schnellste Luftschiff der Welt. Bei seiner Jungfernfahrt über Mannheim am 28.02.1914 übertrifft es alle Erwartungen. Nach seinem Vorbild baut Schütte-Lanz für das Militär bis 1918 noch    weitere 20 Luftschiffe mit enormen Reichweiten und der Fähigkeit, große Lasten zu transportieren. Dazu werden in Mannheim-Rheinau, aber auch in Darmstadt und Leipzig neue Werkshallen errichtet, ebenso in Mannheim-Sandhofen, wo als einziges Luftschiff das SL 5 gebaut wird.

Zunächst werden die Schütte-Lanz Luftschiffe zu Schulungszwecken verwendet und bei Kriegsbeginn vor allem zu Aufklärungsfahrten an der Ostfront eingesetzt. Dabei wird Warschau (26) bombardiert; später auch London, Nancy und Paris, wo sie der Bevölkerung Tod und Verwüstung bringen. Auch wenn sie mit 120 km/h in 7.000 m möglichst oberhalb der Wolken fahren, werden sie gegen Kriegsende für inzwischen schnellen Jagdflugzeuge allein schon aufgrund ihrer Größe zu einem leichten Ziel.

Nach dem ersten Weltkrieg verpflichtet der Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 Deutschland nicht nur zu Gebietsabtretungen und Reparationszahlungen, sondern verbietet auch den Bau von Flugzeugen und Luftschiffen. Dies bedeutet das Ende des Luftschiffes Schütte-Lanz. Die noch vorhandenen Luftschiffe müssen an die Siegermächte abgeliefert werden, und bis 1922 werden fast alle Montagehallen demontiert. Aber die Innovationen von Schütte-Lanz verhelfen den Luftschiffen zu einer führenden Rolle in der zivilen Luftfahrt, die erst mit dem Unglück der Hindenburg bei Lakehurst im Jahre 1937 ein jähes Ende findet.

Dies erlebt der 1909 mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnete Karl Lanz nicht mehr. Ihm hat Mannheim viel zu verdanken. Er unterstützt technische Innovationen ebenso wie die Wissenschaft mit namhaften Geldbeträgen, so zum Beispiel die Heidelberger Akademie der Wissenschaft oder die Mannheimer Handelshochschule. Und er stiftet auch ein Kindererholungsheim, die heutige sonderpädagogische Eugen-Neter-Schule in Mannheim-Sandtorf. Eine der schönsten Erinnerungen an ihn ist das noch heute erhaltene Palais Lanz (27) in der Mannheimer Oststadt, das er zwischen 1907 und 1913 für seine Familie erbauen ließ.

Ab 1914 leistet Lanz als Rittmeister der Reserve (28) Dienst an der Westfront und kehrt nach seiner Entlassung 1916 schwer erkrankt nach Mannheim zurück. Im Juni 1921, nur zwei Monate vor seinem frühen Tod am 18. August mit nur 48 Jahren, kann er auf der Ausstellung der Landwirtschaftsgesellschaft in Leipzig den von seinem Mitarbeiter Fritz Huber entwickelten ersten Rohölschlepper der Welt präsentieren: den legendären „Lanz-Bulldog“.

Für Johann Schütte bedeutet der Versailler Vertrag das Ende seines Traums vom Fliegen. Er versucht vergeblich, mit seinen Luftschiffpatenten in der zivilen Luft-fahrt Fuß zu fassen. Auch die teuren Patentrechtsverfahren gegen Graf Zeppelin und den Fiskus, mit denen er für die Nutzung seiner Patente eine Entschädigung erlangen will, haben keinen Erfolg. Als dann auch sein Sohn Wilhelm im Alter von nur 25 Jahren stirbt, zieht er sich verbittert von allen unternehmerischen Tätigkeiten zurück.

Ihm bleiben noch seine Professur in Danzig, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1938 innehat, und das ehrenamtliche Engagement als erster Vorsitzender sowohl der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt als auch der Schiffbau-technischen Gesellschaft. In einer Rede setzt er sich kritisch mit den gravierenden Folgen des Versailler Vertrages auseinander, und die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wird von ihm freudig begrüßt. Er erwartet, dass nun wieder Luftschiffe und Flugzeuge in Deutschland gebaut werden können. Ein Jahr später sendet Schütte von der Hauptversammlung der Schiffbautechnischen Gesellschaft ein Telegramm an Hitler, in welchem er im Namen der 1.200 Teilnehmer treue Gefolgschaft gelobt. Die Satzung der Gesellschaft wird dahin geändert, dass nur noch „arische Herren“ Mitglied werden können. Johann Schütte stirbt am 29. März 1940 in Dresden (29).

Nach Auflösung der „Luftschiffbau Schütte-Lanz OHG“ entsteht 1922 die „Schütte-Lanz-Holzwerke AG“ und produziert in den vom Abriss verschont gebliebenen riesigen Werkhallen nun großformatige Sperrholzplatten. Die im Luftschiffbau gesammelten Erfahrungen kommen ihr dabei zugute. Zu einem begehrten Produkt werden in den sechziger Jahren die unter dem Namen Semper-Schalung bekannten, wetterfesten Schütte-Lanz-Industrieplatten. Das später von der finnischen Firma „Finnforest Schütte-Lanz Gmbh“ übernommene Werk wird Ende 2007 nach Rumänien verlagert und das Gelände mit den leeren Gebäuden von einer Immobiliengesellschaft aufgekauft. Nach einer Zwischennutzung als Lagerhallen werden sie bis auf eine historische Halle abgebrochen. Hier ist nun ein neues Wohnquartier entstanden, das auf den Namen „Schütte-Lanz-Park“ getauft wurde.

 

Bildnachweis:

  • Gemeinfrei: 1, 2, 6, 16
  • Staatsbiblothek zu Berlin: 3
  • Marchivum: 4, 7, 8, 10, 14, 15, 18, 20, 22, 24, 26, 27, 28
  • GNU Free Documentation License: 5
  • John Deere: 9, 11,
  • Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Oldenburg: 12, 29
  • Heimat- und Brauchtumsverein Brühl: 13, 17, 19, 21, 23, 25,

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