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Heidelberger Katechismus 1500

Heidelberger Katechismus 1500

Einst war Heidelberg die Hauptstadt der Kurpfalz. Ihr Kurfürst zählt zu den sieben ranghöchsten Fürsten (2) des Heiligen Römischen Reiches, denen das Recht zur Wahl des Kaisers zusteht.

Als Martin Luther (3) am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schloss-kirche anschlägt (4) und diese sich dank des kurz zuvor erfundenen Buchdrucks wie ein Lauffeuer in ganz Europa verbreiten, beginnt eine Epoche voller Konflikte und Krisen, Kriegen, Pest, Miss-ernten und Hunger. Ähnlich wie wir heute erleben die Menschen damals eine Zeit des Umbruchs, in der traditionelle Ordnungen und Strukturen, Institutionen und Normen infrage gestellt werden.

Im April 1518 kommt Luther nach Heidelberg und nimmt in der Universität bei einer Versammlung der Augustinermönche an einer Disputation teil. Bei diesem wissenschaftlichen Streitgespräch stellt er seine vierzig "Heidelberger Thesen" vor, mit denen er eine Konzentration auf das Kreuz Christi als einziges Mittel zur Erlösung fordert.

Wenn auch der an Glaubensfragen weniger interessierte Kurfürst (5) Ludwig V. mit dem Beinamen "der Friedfertige" (1478–1544), zurückhaltend reagiert, beginnen doch bald einige Mitglieder der theologischen Fakultät der Universität Heidelberg aus protestantischer Sicht zu lehren und auch Reformen zu fordern.

Ludwigs Nachfolger, sein Bruder Friedrich II. (6) bekennt sich zwar zur neuen Lehre und fördert in der Kurpfalz sogar eine Reihe von Religionsreformen, muss sich aber gegenüber dem mächtigen Kaiser Karl V. (7), einem überzeugten Katholiken, vorsichtig verhalten. So unterstützt er zwar im Schmalkaldischen Krieg den lutherischen Herzog Christoph von Württemberg mit Soldaten, bleibt selbst aber neutral. Vielleicht erhält er deshalb später den Beinamen der „Weise“. Nachdem die protestantischen Fürsten die Schlacht gegen die kaiserliche Armee verloren haben, erlässt Karl V. 1548 das Augsburger Interim, das alle unter seiner Herrschaft stehenden Gebiete dazu verpflichtet, zu den Lehren Roms zurückzukehren.

Doch Kaiser Karl kann die Reformation nur für kurze Zeit aufhalten. Der Widerstand gegen das "Interim" ist so heftig, dass schließlich 1555 im Augsburger Religionsfrieden nach der Regel „cuius regio, eius religio“, also "wessen Gebiet, dessen Religion" den Fürsten zugestanden wird, über die religiöse Ausrichtung ihrer Untertanen selbst zu entscheiden.

Da Friedrich II. kurz nach Ende des Augsburger Frieden stirbt, führt sein Nachfolger Ottheinrich (8) aus der Linie Pfalz-Neuburg 1556 die lutherische Reformation in der gesamten Pfalz ein und hebt mit Ausnahme von Lorsch und Schönau die Klöster auf. Ottheinrich möchte auch wissen, wie es um die Versorgung der Kirchengemeinden bestellt ist. Die Kirchenvisitationen ergeben, dass die Geistlichen nicht gut ausgebildet sind, und dass bei ihnen eher Aberglaube und Traditionen vorherrschen als die Kenntnis der Heiligen Schrift und ein frommes Leben. Das will Ottheinrich ändern. Aber 1559, schon drei Jahre nach seiner Berufung zum Kurfürsten, stirbt er, und so bleibt das Reformationswerk unvollendet.

Die Folge sind Unordnung und erhebliche Auseinandersetzungen. Als Friedrich III. von Pfalz-Simmern (1515–76) (9) nach dem plötzlichen Tod seines kinderlosen Onkels Ottheinrich nachfolgt, muss er sich gleich um die erbittert und öffentlich ausgetragene Kontroverse zweier Theologen um die Abendmahlslehre kümmern. Während Diakon Wilhelm Klebitz predigt, dass Christus bei der Feier des Abendmahls nur geistlich, nicht aber physisch anwesend ist, besteht Professor Tilemann Heshusius darauf, dass Christus wirklich und leibhaftig gegenwärtig sei. Als dieser Streit sogar handgreiflich vor den Augen der Gemeinde ausgetragen wird, beendet Friedrich III. diesen Konflikt um des Friedens willen und zum Wohle der Kirche, indem er 1559 beide entlässt und sie anweist, sich einen anderen Wohnort zu suchen.

Nun aber muss er deren beide wichtigen Positionen neu besetzen. Die Universität braucht einen neuen Theologieprofessor und die Kirche einen neuen Prediger. Im Januar 1560 holt Friedrich III. Caspar Olevianus (10) nach Heidelberg. Der 1536 in Trier geborene Caspar Olevianus, (latinisiert mit der Bedeutung aus Olewig, einem Stadtteil von Trier stammend) ist nach dem frühen Tod des Vaters bei seinem Großvater aufgewachsen. Dieser schickt Caspar zum Studium der Rechtswissenschaft nach Frankreich, wo er mit der von Johannes Calvin inspirierten protestantischen Bewegung, den Hugenotten in Berührung kommt und sich heimlich evangelisch taufen lässt.

Während seines Studiums in Bourges erlebt Olevian im Juli 1556 wie eine Gruppe betrunkener Studenten ein Boot zum Kentern bringt und dabei sein Freund und auch der 15-jährige Hermann Ludwig von der Pfalz, ein Sohn von Friedrich III. ertrinken. Olevian springt in den Fluss und versucht den Jungen zu retten, leider vergeblich. Dabei gerät er selbst in Gefahr und gelobt in seiner Todesangst, sich dem Studium der Theologie und der Verkündung des Evangeliums zu widmen, wenn er wieder lebend ans Ufer gelangt.

Olevian überlebt und reist nach Genf, wo er zunächst bei Johannes Calvin Theologie hört und dann an die Schola Carolina, die philosophisch-theologische Hochschule und Vorläuferin der Universität nach Zürich wechselt. Im Jahr 1559 kehrt Olevian nach Trier zurück und wird von der Stadt als Lateinlehrer eingestellt. Doch er möchte das Evangelium predigen und nicht nur Latein unter-richten. Als er beginnt, die evangelischen Lehren von der Erlösung durch Gnade und Glauben zu predigen, wird er, wie in dieser Zeit auch andere Protestanten, inhaftiert. Doch nach zehnwöchiger Haft wird Olevian dank der Intervention von Kurfürst Friedrich III. freigelassen und folgt dem Ruf als Theologieprofessor an die Heidelberger Universität. Bald jedoch gibt er die Professur für Dogmatik an den kurz nach ihm eingetroffen Zacharius Ursinus ab, da er lieber predigen möchte. Nach einer kurzen Zeit als Pastor in der Peterskirche wird Olevian Prediger in der Heiliggeistkirche.

Der am 18. Juli 1534 in Breslau, im heutigen Polen als Sohn eines lutherischen Diakons geborene Zacharias Beer, (11) latinisiert in Ursinus, beginnt schon im Alter von nur fünfzehn Jahren in Wittenberg bei dem Reformator Philipp Melanchthon zu studieren. 1557 begleitet er Melanchthon zum Religionsgespräch nach Worms. Von dort reist Ursinus anschließend in europäische Städte wie Genf und Zürich, die sich bereits der Reformation angeschlossen hatten. Dabei lernt er Johannes Calvin und dessen Lehre kennen. 1558 kehrt er nach Breslau zurück und wird als Lehrer an die Elisabethschule berufen. Für seinen Unterricht verwendet er den Katechismus von Melanchthon und gerät bald in den Verdacht der reformierten Lehre. Auch der Streit über die Abendmahl-Lehre widerstrebt dem um eine ausgewogene und gemäßigte Haltung bemühten Schüler Melanchthons. Er bittet schließlich um seine Entlassung und reist nach Zürich, wo ihm Kurfürst Friedrich III. anbietet, nach Heidelberg zu kommen und dort am Predigerseminar zu lehren.

1561 tritt der junge schlesische Theologe Zacharias Ursinus die Stelle an und übernimmt ein Jahr später von Caspar Olevian den Lehrstuhl für Dogmatik. Schon bald schreibt er sowohl einen umfangreichen Katechismus für seine Studenten, als auch einen kleinen Katechismus für die allgemeine Bildung. Diese beiden Katechismen können zwar als Vorläufer des kurze Zeit später von Kurfürst Friedrich III. in Auftrag gegebenen neuen Katechismus angesehen werden, doch es ist der Kurfürst selbst, der dessen Notwendigkeit sieht und auch für die Umsetzung sorgt.

Im 16. Jahrhundert finden nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Schulen Reformen statt. Lange Zeit war Bildung ein Privileg der Reichen und erfolgte der Unterricht in Latein. Doch nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass Bildung für alle wichtig ist und es gibt immer mehr deutsche Schulen, an denen sowohl Jungen als auch Mädchen in drei Hauptfächer unterrichtet werden: In Lesen, Schreiben und Katechismus. Der Bildung der jungen Menschen wurde bis dahin zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, und oft genug fehlte die christliche Unterweisung.

Um diesen keineswegs auf die Jugend beschränkten Missstand zu beseitigen, beauftragt Kurfürst Friedrich III. zur Verbreitung des reformatorischen Gedankens „die Ausarbeitung eines zusammen-fassenden Lehrgangs oder Katechismus unserer christlichen Religion gemäß dem Wort Gottes in deutscher und lateinischer Sprache“. Die Reformation hatte sich insbesondere nach Luthers Tod in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. Friedrich möchte die sich zwischen Lutheranern und Reformierten vertiefende Kluft überwinden und in der aus sehr unterschiedlichen Gebieten bestehenden Kurpfalz eine sowohl biblisch begründete als auch pädagogisch verständliche Glaubenslehre einführen.

Der Katechismus soll nicht nur die religiöse Reform vereinheitlichen, sondern zugleich auch das Niveaus der Heidelberger Universität heben und das Schul- und Unterrichtswesen für das Volk verbessern sowie allen den Zugang zu Wissen und Bildung ermöglichen. Dieser neue Katechismus soll in „Kirchen und Schulen“ von „Pastoren und Schulmeistern“ verwendet werden. Auf diese Weise werde eine einheitliche Lehre gewährleistet sein, ohne dass Lehrer und Prediger „täglich Änderungen vornehmen oder irrige Lehren einführen“. Der Kurfürst ist überzeugt, dass es noch zu viele Reste an Aberglauben, Wahrsagerei und unbiblischen Gebräuchen gibt, wie zum Beispiel in bestimmten Formen des Abendmahls. Nicht der Glaube an Wunder, sondern allein die Auslegung der Schrift soll fortan die Grundlage religiöser und wissenschaftlicher Erkenntnis sein.

Als hauptsächlicher Verfasser des Heidelberger Katechismus gilt der 29 Jahre alte Dogmatik-Professor Zacharias Ursinus. Aber auch Caspar Olevian und der Kurfürst selbst tragen Formulierungen bei.  Auf Wunsch des Kurfürsten werden Bibelstellen angefügt, um zu einer eigenständigen Bibellektüre anzuregen. (12)

Dem Kurfürsten ist der Katechismus so wichtig, dass er selbst alles persönlich überprüft und ein Vorwort hinzufügt. Darin drückt er seine Hoffnung aus, „dass, wenn unsere Jugend ernsthaft in Gottes Wort unterwiesen und erzogen wird, es dem allmächtigen Gott gefallen wird, auch eine Reformation der öffentlichen und privaten Moral sowie zeitliches und ewiges Wohlergehen zu gewähren“.

Als Kurfürst Friedrich III. am 13. Januar 1563 den Katechismus zum Druck freigibt, ist ihm sicher nicht bewusst, dass er mit diesem später „Heidelberger Katechismus“ genannten kleinen Buch Geschichte schreiben wird. (13) Unter dem Titel „Catechismus oder christlicher Unterricht, wie der in Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfalz getrieben wirdt“ erscheint der Katechismus in deutscher und lateinischer Sprache. Denn unabhängig davon, ob die Pfälzer Kinder in deutschen oder lateinischen Schulen unterrichtet werden, sollen sie alle aus dem gleichen Katechismus lernen.

Schon die im März 1563 erscheinende Erstausgabe erregt großes Aufsehen. Gleich im ersten Jahr erscheinen weitere Auflagen und auch zwei Übersetzungen. Die im April erscheinende dritte Auflage mit der Einteilung in zehn Lektionen findet schließlich als maßgeblicher Text Verbreitung und wird in die im November 1563 verabschiedete neue Kirchenordnung eingefügt, wodurch der Katechismus für die ganze Kurpfalz verbindlich wird. Schnell findet er aber auch über die Kurpfalz hinaus Verbreitung.

Nicht der Glaube an Wunder, sondern allein die Auslegung der Schrift, gilt fortan als verlässliche Quelle religiöser und wissenschaftlicher Erkenntnis. Der sich eng an die Heilige Schrift haltende „Heidelberger Katechismus“ gibt in 129 Fragen und Antworten gegliedert, einen Überblick über die gesamte christliche Lehre. Er beginnt mit der Frage „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. (14) Schon diese erste Frage fasst die gesamte Lehre des Katechismus zusammen und ihre Antwort „Dass ich mit Leib und Seele, beides im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin“ offenbart die versöhnende Zuwendung Gottes. 

Nach dem ersten Teil „Vom Elend des Menschen“ behandelt der zweite Teil „Von des Menschen Erlösung“ die Rettung des Menschen durch Jesus Christus, allein durch den Glauben und die Gnade Gottes.  Taufe und Abendmahl erscheinen dabei als sichtbare Zeichen dieser Gnade, die den Gläubigen Gewissheit und Zuversicht schenken.

Der dritte Teil, „Von der Dankbarkeit“, widmet sich dem Gebet und der Frage, wie ein nach dem Willen Gottes ausgerichtetes christliches Leben zu gestalten ist. Dieses soll weder auf Zwang beruhen noch aus dem Streben erwachsen, sich das Heil zu verdienen, sondern dankbare Antwort auf das empfangene Gute sein, indem man etwas an seinen Nächsten weitergibt.

Nicht nur sprachlich will der Heidelberger Katechismus für alle verständlich sein, auch sein Inhalt sucht das Verstehen. Er verordnet keine Dogmatik, sondern will durch Argumente überzeugen. Gemäß dem evangelischen Grundsatz „sine vi, sed verbo“ soll der Glauben ohne Zwang allein durch das Wort und gute Argumente gelehrt werden. Der Heidelberger Katechismus will Grundwissen über den Glauben vermitteln und zum Beispiel auch den Sinn der Zehn Gebote und des Vaterunser erklären.

Kurz nach Erscheinen des Heidelberger Katechismus regt sich heftige Kritik. Der Lutheraner Tilemann Heshusius veröffentlicht eine Schrift mit dem Titel „Wahre Warnung gegen den calvinistischen Heidelberger Katechismus”. Angesichts seiner unerfreulichen Erfahrung in Heidelberg wohl eine späte Rache. Viel schwerer wiegt der Vorwurf einer Reihe protestantischer Landesherren, mit der Einführung des neuen Katechismus vom Augsburger Bekenntnis abgewichen zu sein und einer „Sekte“ anzuhängen, wodurch der Schutz des Religionsfriedens von 1555 entfiele. Daraufhin lädt Kaiser Maximilian II. (15) im Jahr 1566 den Kurfürsten vor den Reichstag nach Augsburg und droht ihm die Reichsacht an, wenn er nicht den Katechismus zurücknehme. Doch Friedrich III. beugt sich nicht und verteidigt standhaft seine Glaubensüberzeugung. Er habe niemals die Bücher Zwinglis oder Calvins studiert, sondern allein die Heilige Schrift.

„Was meinen Katechismus betrifft, so bekenne ich mich dazu. Er ist in seinen Grundzügen so fest in der Heiligen Schrift verankert, dass er sich als unumstößlich erwiesen hat. Tatsächlich ist es Ihnen selbst bisher nicht gelungen, ihn zu widerlegen, und ich hoffe, dass er mit Gottes Hilfe noch für lange Zeit unumstößlich bleiben wird. Sollte sich herausstellen, dass jemand mich auf der Grundlage von Gottes Wort besser über die biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments unterrichten kann, dann werde ich ihm neben Gott dankbar sein und damit Gott und seinem heiligen Wort den erforderlichen Gehorsam erweisen. Wenn in dieser Versammlung Herren oder Freunde von mir anwesend sind, die dies leugnen möchten, dann würde ich dies gerne von ihnen hören; wir können hier schnell genug eine Bibel hervorholen.

Mit diesen Worten fordert Friedrich dazu auf, den Heidelberger Katechismus aus der von seinem Sohn Johann Casimir herbeigetragen Bibel zu widerlegen. 

„Sollte sich jedoch mein bescheidenstes Vertrauen als vergeblich erweisen und sollte man trotz meines christlichen und ehrlichen Angebots ernsthaft gegen mich vorgehen oder dies planen, dann werde ich mich mit dem sicheren Versprechen trösten, das mir und allen Gläubigen von meinem Herrn und Erlöser Jesus Christus gegeben wurde, dass mir alles, was ich um seiner Ehre und seines Namens willen verlieren werde, in der anderen Welt hundertfach zurückgegeben wird. Damit möchte ich mich der Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät empfehlen.“

Mit dieser eindrucksvollen Rede gelingt dem Kurfürsten, die Duldung seiner reformierten Konfession und damit die Sicherung des Reichsfrieden für die Kurpfalz. 

Am 26. Oktober 1576 stirbt Friedrich III. (16), der später den Beinamen „der Fromme“ erhält und wird neben seiner ersten Ehefrau Marie in der Heiliggeistkirche beigesetzt. Sein Sohn Ludwig VI. wird Kurfürst und führt das lutherische Bekenntnis wieder ein. Sowohl Caspar Olevian als auch Zacharias Ursinus müssen Heidelberg verlassen. Durch die Vermittlung von Pfalzgraf Johann Casimir, einem anderen Sohn Friedrichs III., der am calvinistischen Bekenntnis seines Vaters festhält, kann Ursinus seine Lehrtätigkeit am neu gegründeten Collegium Casimirianum in Neustadt an der Weinstraße fortsetzen.  Am 6. März 1583 stirbt Zacharias Ursinus im Alter von 48 Jahren in Neustadt und wird in der Stiftskirche beigesetzt.

Olevian setzt seine Arbeit in Herborn fort, wo er am 15. März 1587 an den Folgen eines Unfalls stirbt. Er findet seine letzte Ruhe in der Evangelischen Stadtkirche Herborn.

Nach dem frühen Tod Kurfürst Ludwigs VI. im Jahr 1583 übernimmt dessen Bruder, Pfalzgraf Johann Casimir, (17) bis 1592 die Regentschaft und Vormundschaft für den erst neunjährigen Friedrich und führt wieder den reformierten Glauben in der Kurpfalz ein. Unter dem mit der niederländischen Prinzessin Luise-Juliana von Oranien-Nassau verheirateten Kurfürst Friedrich IV. (1574 bis 1610) entwickelt sich die Pfalz zur führenden protestantischen Macht im Heiligen Römischen Reich.

1619 auf der Dordrechter Synode in den Niederlanden (18) als das Bekenntnisbuch der reformierten Kirche anerkannt, verbreitet sich der Heidelberger Katechismus in kurzer Zeit in Europa und gelangt durch Auswanderer sogar nach Nordamerika und Südafrika.

Die Regel des Augsburger Religionsfriedens, wonach der Landesherr über die Konfession seiner Untertanen entscheidet, bedeutet für die Pfälzer, dass sie innerhalb eines Zeitraumes von nur drei Jahrzehnten vier Mal von der der lutherischen zur reformierten Lehre hin und her wechseln mussten.

Nachdem Kurfürst Ottheinrich die Bestände der Universitäts-, Stifts- und der kurfürstlichen Schlossbibliothek zur Bibliotheca Palatina vereint hat, lässt er sie auf den Emporen der Heiliggeistkirche unterbringen. Damit erhalten Professoren und Studenten Zugang zu einer der bedeutendsten Bibliotheken ihrer Zeit, in der sich unter anderen berühmten Schriften das Lorscher Evangeliar aus der Hofschule Karls des Großen, der Codex Manesse sowie das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. befinden. (19)

Die Bibliotheca Palatina zieht zahlreiche Gelehrte und Künstler nach Heidelberg und trägt dazu bei, dass sich die Stadt zu einem wissenschaftlichen und kulturellen Zentrum des reformierten Bekenntnisses in Europa entwickelt. Ein Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1588 belegt, dass Heidelberg zu dieser Zeit rund 5.500 Einwohner zählt, darunter etwa 580 Studenten.

Wegen ihrer umfangreichen, überwiegend protestantischen Literatur gilt die Bibliotheca Palatina den Katholiken jedoch als „Hort der Ketzerei“. Nach der Eroberung der Kurpfalz durch Truppen der Katholischen Liga unter Tilly im August 1622, lässt Papst Gregor XV. die wertvolle Sammlung mitsamt der 1563 veröffentlichten Kirchenordnung und dem Heidelberger Katechismus auf etwa 200 Mauleseln über die Alpen nach Rom abtransportieren.

Die „Suche nach der reinen Lehre“ muss noch einen weiten Weg zurücklegen, bis man endlich versteht, dass es nicht nur einen Weg gibt, der zur Erkenntnis führt, sondern mehrere. Diese Einsicht mahnt uns heute zu Toleranz und dazu, auch andere Sichtweisen zu akzeptieren. In diesem Verständnis liegt die Bedeutung und das historische Vermächtnis des Heidelberger Katechismus.

Erst 1973 beendet die Leuenberger Konkordie die Spaltung zwischen den lutherischen und den reformierten Kirchen und erfüllt das Anliegen des Heidelberger Katechismus. Ursprünglich für die Kurpfalz gedacht, ist der Heidelberger Katechismus, dieses kleine unscheinbare Buch, weltweit zur bedeutendsten Bekenntnisschrift der reformierten Kirche geworden. (20)

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