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Kurpfälzer Meile der Innovationen

Strophanthin-Therapie 1900

Strophanthin-Therapie

Albert Fraenkel (1864 - 1938)

Albert Fraenkel wird am 3. Juni 1864 als Sohn des Weinhändlers Jakob Fraenkel und seiner Frau Emilie in Mußbach bei Neustadt an der Weinstraße geboren. Dort besucht er die Lateinschule und anschließend das humanistische Gymnasium in Landau. Schon als Schüler möchte Albert Arzt zu werden und beginnt nach dem Abitur 1883 in  München Medizin zu studieren. Nach dem Physikum leistet er in Würzburg den ersten Teil seines Militärdienstes ab und setzt danach sein Studium in Straßburg fort. Vor allem die Vorlesungen des Internisten Adolf Kußmaul beeindrucken ihn sehr. Im Sommer 1888 besteht er das Staatsexamen und beendet anschließend in Bayreuth den Militärdienst.

Im Jahr 1889 promoviert Albert Fraenkel und tritt seine erste Stelle als Assistenzarzt bei der Münchener Universitäts-Frauenklinik an, um Gynäkologe zu werden. Doch schon bald  erkrankt er an Lungentuberkulose. Dank mehrerer Kuraufenthalte bessert sich sein Zustand jedoch bald. Aber die existenzielle Erfahrung der bedrohlichen Krankheit mag Fraenkel später dazu befähigt haben, sich in die Situation seiner Patienten hinein zu versetzen.  Albert Fraenkel weiß, dass ihn die Tuberkulose-Erreger auch nach ihrer Verkapselung noch Jahrzehnte später wieder erkranken lassen können. Es ist daher kein Zufall, dass er im Winter 1890 seine Tätigkeit als Assistenzarzt in Berlin fortsetzt, wo er bei einem Mitarbeiter von Robert Koch an der Erforschung des Tuberkulins mitwirkt und sein Wissen über die Tuberkulose vertieft.

Enttäuscht von der Wirkungslosigkeit des Tuberkulins lässt sich Albert Fraenkel 1891 in dem aufstrebenden Schwarzwälder Kurort Badenweiler als Landarzt nieder und praktiziert in der „Villa Hedwig“, einem der dortigen Kurhäuser. Er ist so erfolgreich, dass er schon 1894 für seine Praxis und die Wohnung ein eigenes Haus baut. Zwei Jahre später heiratet er Erna Thorade und nennt das Haus  „Villa Erna“. Die beiden führen eine sehr glückliche Ehe, und  1897 und 1902 werden die Töchter Annemarie die Tochter Lieselotte geboren. 

In die Villa kommen viele berühmte Gäste zu Gesprächen und Hausmusik. Unter ihnen sind der Philosoph Karl Jaspers und später auch der Dichter Hermann Hesse. Beide waren  zunächst Patienten Fraenkels und sind nun seine Freunde.

1903 kann Albert Fraenkel sein erstes Sanatorium in der dafür umgebauten „Villa Hedwig“ in Betrieb nehmen. Die Patienten werden erst nach ärztlicher Untersuchung oder Überweisung aufgenommen und müssen zu ihrer Gesundung bestimmte Regeln einhalten. In seiner Schrift „Haus zum Frieden“ reflektiert der junge Hermann Hesse seinen Aufenthalt dort und schreibt, Fraenkel behandele nicht Krankheiten, sondern Menschen. Noch im gleichen Jahr 1903 eröffnet Fraenkel in der auf einer Anhöhe gelegenen „Villa Paul“ ein Sanatorium für Lungenkranke, das auch Schwerkranke aufnimmt. Wie bereits bei der „Villa Hedwig“ legt Fraenkel bei den Räumen Wert auf deren therapeutischen Zweck und die Einhaltung hygienischer Standards, aber auch auf eine die Sinne ansprechende künstlerische Gestaltung.

Beide Sanatorien genießen bald internationalen Ruf und tragen zur Blüte von Badenweiler bei, wofür ihm die dankbare Kurstadt 1920 Ehrenbürgerwürde verleiht.

Seine Klinikarbeit in Badenweiler konzentriert Albert Fraenkel auf die Sommermonate. Im Winter, wenn nur wenige Patienten zu versorgen sind, forscht er bereits ab dem Wintersemester 1893/1894 am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg an der Wirkung der Digitalis-Glykoside zur Behandlung von Herzschwäche. Dabei stößt Fraenkel auf das Glykosid der Strophanthuspflanze, einem Lianen Gewächs. Ein Extrakt aus Strophanthus-Samen wurde in Afrika als Pfeilgift zur Elefantenjagd benutzt. Auf einer Expedition von David Livingstone im Jahre 1859 hatte ein Arzt versehentlich eine mit dem Pfeilgift verunreinigte Zahnbürste benutzt und dabei  bemerkt, dass sein infolge  Hitze und auch Fieber erhöhter Pulsschlag sich umgehend beruhigte. 

Dem Pharmakologen Thomas Richard Fraser gelang es 1862 den wirksamen Bestandteil des Samens aus Strophanthus kombé als k-Strophanthin zu isolieren. Zwar werden schon ab 1885 alkoholische Lösungen von Strophanthus kombé Samen in europäischen Kliniken verwendet. Doch ist es kaum möglich, die Konzentration des Strophanthins exakt und reproduzierbar zu bestimmen, was eine Therapie sehr schwierig und das Ergebnis zufällig macht.

Von allen untersuchten Substanzen erscheint Albert Fraenkel das Strophanthin am besten geeignet. Ab 1900 führt er in Heidelberg Tierversuche, dann auch Selbstversuche durch, was ihn zu der genialen Idee führt, das wasserlösliche Strophanthin intravenös zu verabreichen. Dadurch kann der chemisch reine Wirkstoff exakt dosiert werden und die Wirkung tritt unmittelbar ein.

Auf der Grundlage seiner umfangreichen Versuchsergebnisse kann Fraenkel den neuen Leiter der Medizinischen Klinik der Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg, Ludolf von Krehl, davon überzeugen, die intravenöse Strophanthingabe bei Herzkranken seiner Klinik zu erproben. Im November und Dezember 1905 studierte Fraenkel die Wirkung der intravenösen Injektion an 25 Patienten mit starker Herzinsuffizienz. Erfreut berichtet Fraenkel 1906, dass sich innerhalb weniger Minuten die Herztätigkeit normalisiert und die Patienten eine spürbare Erleichterung erfuhren. Bei akuten Fällen wirkt das Strophanthin sogar lebensrettend. „Die Raschheit und Stärke der Wirkung ist eine Wunderkur“. Die Strophanthin-Therapie erweist sich bei vielen Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, Rhythmus-Anomalien, Bluthochdruck, akuten Myokardschäden sowie Angina pectoris als äußerst hilfreich. Die rasch eintretende Wirkung und die exakte Dosierbarkeit der Injektion bewirken eine sofortige Normalisierung der Herztätigkeit.

Fraenkel ist sich der Bedeutung seiner Arbeit bewusst und möchte die intravenöse Strophanthin-Therapie schnell etablieren. Er nimmt zur Firma „Boehringer & Söhne“, deren Strophanthin er verwendet hatte, Kontakt auf und stellt bereits Mitte März 1906 der Unternehmensleitung seine Forschungsergebnisse vor. Fraenkel überzeugt „Boehringer“, Strophanthin in gebrauchsfertigen Injektions-Ampullen industriell herzustellen. Es kommt unter dem Namen „Kombetin“ auf den Markt. In enger Zusammenarbeit entwickelt er mit „Boehringer“ die Bedingungen für die effiziente Sterilisierung des Ampulleninhalts. Seine Zusammenarbeit mit „Boehringer“ wird nahezu drei Jahrzehnte andauern.

Beim Internistenkongress im April 1906 in München hält Dr. Fraenkel zum ersten Mal einen Vortrag „Über intravenöse Strophanthin-Therapie“ um die Therapie einem möglichst großen Kreis von Ärzten vorzustellen. Sein Vortrag beeindruckt die Kollegen, die zu der Meinung gelangen, dass diese Therapie außerordentliche Aussichten eröffnet.

Beim Internistenkongress im April 1906 in München hält Dr. Fraenkel zum ersten Mal einen Vortrag „Über intravenöse Strophanthin-Therapie“ um die Therapie einem möglichst großen Kreis von Ärzten vorzustellen. Sein Vortrag beeindruckt die Kollegen, die zu der Meinung gelangen, dass diese Therapie außerordentliche Aussichten eröffnet.

Bald beginnen auch andere Ärzte mit der intravenösen Strophanthin-Therapie. Doch die Anfangserfolge bedeuten für die neue Therapie noch lange keinen Durchbruch. Viele Ärzte wissen nicht, wie sie spritzen sollen, andere lehnen die neue Therapie ab, und nicht wenige gehen mit dem starken Wirkstoff sorglos um und injizierten zu hohe Dosen, die nicht nur zu unerwünschten Nebenwirkungen, sondern sogar zu Todesfällen führen. Dr. Fraenkel unternimmt große Anstrengungen, um auf die notwendige exakte Dosierung hinzuweisen, die für der Erfolg der Therapie unerlässlich ist und verfasst eine ausführliche Packungsbeilage zur Injektionstechnik und Dosierung. Aber es wird noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis die Therapie etabliert ist.

1914 verleiht der badische Großherzog Friedrich II. Fraenkel den Titel „Professor“.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verändert Fraenkels Leben. Er stellt sich dem Militär zur Verfügung und organisiert zunächst in Badenweiler die Versorgung von Verwundeten. Er wird Chefarzt des Beobachtungslazaretts Heidelberg und zudem beratender Internist des XIV. Armeekorps im Rang eines Stabsarztes am Krankenhaus in Rohrbach. Da die Tuberkulose unter den heimkehrenden Soldaten, aber auch der wegen mangelhafter Ernährung geschwächten Bevölkerung viele Opfer findet, reist Fraenkel mit einem fahrbaren Röntgengerät zur Diagnose zu den Tuberkulose Heilstätten in Süddeutschland. Für seine Verdienste erhält Fraenkel mehrere militärische Auszeichnungen unter anderen auch das Eiserne Kreuz II. Klasse.

1920 verkauft Fraenkel das Haus in Badenweiler und zieht mit seiner Familie nach Heidelberg in die Blumenthalstraße. Noch im gleichen Jahr wirkt er an der Gründung des Tuberkulose-Krankenhauses Rohrbach, der späteren Thorax-Klinik, mit. Dort werden schwerkranke Menschen im akuten oder auch finalen Stadium behandelt, die in Tuberkulose-Heilstätten nicht therapiert werden können. Rohrbach ist für den Ausbau der Tuberkulosefürsorge in Nordbaden von großer Bedeutung.

Auch sein Ziel, der intravenösen Strophanthin-Therapie zum Durchbruch zu verhelfen, verliert Fraenkel nicht aus den Augen. Ihm ist bewusst, dass es nur an einer Klinik möglich sein wird, die Therapie korrekt anzuwenden und zu vermitteln. Das motiviert ihn zum Bau des internistischen „Mittelstandssanatorium Speyererhof“ am Südhang des Königstuhls. Dort möchte er auch dem nach Kriegsende infolge der Geldentwertung häufig verarmten Mittelstand, der damals über keine Krankenversicherung verfügt und sich eine Behandlung im Krankenhaus oder einen Aufenthalt im Sanatorium nicht leisten kann, eine klinische Behandlung in einer kultivierten Atmosphäre zu erschwinglichen Pflegesätzen ermöglichen.

Es ist eines der ersten Sanatorien in öffentlicher Trägerschaft (Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und die Landkreise Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Mosbach und die Pfalz). Mit der wohnlichen und stilvollen Einrichtung der rund 100 Einzelzimmer wird ein junger Innenarchitekt beauftragt. Aus dem Fundus eines Mannheimer Museums verschönern Werke von Malern des 19. und 20. Jahrhunderts die Räume. Es gelingt Fraenkel sogar, prachtvolle Möbel, die auf dem Boden des Mannheimer Schlosses seit Jahrzehnten dem Verfall überlassen waren, auf den Fluren und in den Aufenthaltsräumen des Speyererhofes leihweise aufzustellen. Die Patienten vom Schneidermeister bis hin zum Ministerialrat, Kaufleuten, Lehrern und Handwerkern sollen sich wohl fühlen.

Albert Fraenkel leitet das im August 1927 eröffnete Sanatorium als ärztlicher Direktor und integriert die intravenöse Strophanthin-Therapie in ein therapeutisches Gesamtkonzept. Die Patienten werden nicht nur mit Strophanthin behandelt, sondern auch mit der Einübung einer angepassten Lebensführung auf ein Leben mit einer chronischen Herzinsuffizienz vorbereitet. Das später „Speyererhof“ genannte Sanatorium bietet eine sehr gute Versorgung und entwickelt sich zu einem Zentrum ärztlicher Fortbildung auf hohem wissenschaftlichem Niveau. So hat es Fraenkel schließlich erreicht, „der Strophanthin-Therapie ein Heim zu schaffen“, wie er in einem Brief an „Boehringer“ schreibt. Fraenkel führt im Speyererhof auch eine Reihe wissenschaftlicher Fachtagungen durch u.a. zur „Strophanthin-Therapie“. Der Speyererhof wird sein Lebenswerk.

In Anerkennung seiner Leistungen ernennt ihn die medizinische Fakultät der Universität Heidelberg 1928 zum ordentlichen Honorarprofessor mit einem Lehrauftrag für Tuberkulose.

Die segensreiche Arbeit von Prof. Fraenkel endet 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Obwohl Fraenkel bei seiner Hochzeit 1896 vom jüdischen zum evangelischen Glauben konvertiert war, entfernt man ihn als Juden systematisch aus allen Ämtern. Dem Entzug seines Lehrauftrags in Heidelberg kommt er zuvor, indem er schon im April auf eine weitere Lehrtätigkeit verzichtet. Im Mai muss er aus dem von ihm begründeten „Speyererhof“ ausscheiden und im Juni auch die Leitung des Rohrbacher Krankenhauses abgeben. Publizieren und Vorträge halten kann er nur noch im Ausland. Da er über kein Einkommen mehr verfügt, bezahlt ihm Boehringer die Vortragsreisen nach Cambridge, Basel, Mailand und Oxford. In Deutschland wird er totgeschwiegen.

Die aufgezwungene Muße nutzt er, um Ende 1933, als der Erfolg seiner Therapie längst durch klinische Studien belegt ist, sein Werk „Strophanthin-Therapie" zu veröffentlichen. 

Im September 1938 wird ihm nach 50 jähriger ruhmvoller ärztlicher Tätigkeit die Approbation entzogen und damit das Recht, seinen ärztlichen Beruf auszuüben. Das trifft den der Heimat so tief verbundenen Mann schwer. Im Oktober 1938 wird ihm auch der Reisepass entzogen. Fraenkel ist schwer krank und stirbt am 22. Dezember im Alter von 74 Jahren in Heidelberg. Den Trauergottesdienst hält sein Freund, der evangelische Prälat Hermann Maas. Aber erst 1947 kann er auf dem Bergfriedhof bestattet werden. Auf seinem Grabstein stehen nur die Worte: "Albert Fraenkel, Arzt".

Fraenkel war zugleich ein talentierter Forscher und ein begnadeter Arzt. Sein Leitgedanke war nicht nur, die wissenschaftlich experimentelle Pharmakologie zu studieren, sondern diese auch bis zur praktischen Anwendung zu entwickeln, so dass er als Mitbegründer der klinischen Pharmakologie gilt.

Zu Beginn der fünfziger Jahre gibt es auch orale Digitalis-Präparate, sodass die für Arzt und Patient beschwerliche Injektion von Strophanthin immer seltener angewendet wird. Die Lehrbücher empfehlen jedoch bei akuter Herzinsuffizienz noch bis 1992 intravenös zugeführtes Strophanthin als das am schnellsten wirksame Herzglykosid.

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