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1804-1809 Heidelberger Romantik

Achim von Arnim, Clemens Brentano, Josef von Eichendorff, Friedrich Hölderlin

1804-1809 Heidelberger Romantik

Achim von Arnim, Clemens Brentano, Josef von Eichendorff, Friedrich Hölderlin

Das beginnende 19. Jahrhundert ist eine Zeit des Umbruchs. Die Französische Revolution, Napoleons Besetzung deutscher Länder, seine  durchgreifenden Reformen und auch die beginnende Industrialisierung rufen Zukunftsängste hervor. Als Reaktion hierauf  flüchten sich die Menschen vor den realen Problemen und der rationalen Denkweise in eine romantisch verklärte deutsche Vergangenheit. Die Alltagswelt wird ins Mystische verwandelt. Den Gefühlen, der Freiheit des Geistes und der Beschreibung der Naturidylle werden große Bedeutung zugemessen.

Zu dieser Zeit begründen einige in Heidelberg lebende und der Romantik zugewandte Autoren die „Heidelberger Romantik".  Der Lyriker Friedrich Hölderlin ist einer der Ersten, die Heidelberg als Stadt der Romantik ein Gedicht widmen.  Seine berühmte Ode an Heidelberg entsteht kurz nach Fertigstellung der Alten Brücke.

Der Altphilologe Friedrich Creuzer, seit 1804 als ordentlicher Professor an der Heidelberger Universität, zählt zu deren angesehensten Professoren. Ab dem Wintersemester 1806 lehrt auch Joseph Görres in Heidelberg. Bei ihm hört der mit seinem Bruder Wilhelm zur Fortsetzung der Studien nach Heidelberg gekommene Joseph von Eichendorf Vorlesungen. 

Eichendorff freundet sich mit Clemens Brentano und Achim von Arnim an und ist bald Teil der Geistesbewegung der Romantik.  In seinem Gedicht „Einzug in Heidelberg“, spürt man das Lebensgefühl der „Heidelberger Romantik". Mit dem Gedicht „In einem kühlen Grunde" setzt er seiner unglücklichen Liebe und dem kleinen Tal von Alt-Rohrbach ein dichterisches Denkmal. 

In engem Kontakt zu diesen Autoren stehen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Karoline von Günderrode sowie Bettina von Arnim und werden daher, obwohl nicht in Heidelberg lebend, auch zu den Heidelberger Romantikern gerechnet. Die bedeutendsten Vertreter der Heidelberger Romantik sind jedoch von Achim von Arnim und Clemens Brentano.

Der 1778 in Ehrenbreitstein als Sohn eines Kaufmanns geborene Clemens Wenzeslaus Brentano de La Roche wächst bei Verwandten auf  und besucht wechselnde Erziehungseinrichtungen.  In Heidelberg besucht er ein von einem ehemaligen Jesuiten geleitetes Pensionat, in Mannheim ebenfalls eine christliche Schule  und in Koblenz zusammen mit Joseph Görres ein Jesuitengymnasium. Nach Abbruch einer auf väterlichen Wunsch begonnen Kaufmannslehre, versucht er sich in unterschiedlichen Studienfächern. In Jena macht er als Student der Medizin Bekanntschaft mit einer Reihe von Frühromantikern, hat auch Kontakt zu Goethe und beginnt immer mehr, sich seinen literarischen Neigungen zu widmen. Als er im Jahre 1801 in Göttingen ein Philosophiestudium beginnt, begegnet er dem zweieinhalb Jahre jüngeren Achim von Arnim, der dort Naturwissenschaften studiert. Schon bald verbindet  beide eine enge Freundschaft. Sie wenden sich der Literatur zu  und unternehmen 1802 gemeinsam eine Reise auf dem Rhein. Von Arnim lernt auch Bettina, die Schwester seines Freundes, kennen. Neun Jahre später wird sie seine Ehefrau.

Im Jahre 1804 kehrt Achim von Arnim von seinen Bildungsreisen zurück und schmiedet mit dem inzwischen in Heidelberg lebenden Brentano Pläne zur Herausgabe einer Sammlung altdeutscher Lieder.

Als Gegenentwurf zur Fremdherrschaft Napoleons, wollen sie sich auf die vergangene nationale Größe  besinnen und sie wiederbeleben. Sie beschäftigen sich mit germanischer Dichtung, mit Märchen und Sagen, deren Umgangssprache und Volksnähe sie schätzen.  Durch die Rückbesinnung auf deutsche Kultur, altdeutsche Sprache und Literatur wollen sie zur Erneuerung der nationalen Identität und so zu einem einigen Deutschland beitragen. Dabei orientieren sich die Heidelberger Romantiker nicht an der Antike, wie die Jenaer Frühromantiker, sondern am Mittelalter und am deutschen Volkstum. Mit Hilfe einer volksnahen Dichtung streben sie die Einigung der zerrissenen Nation an. Daher ist es ihnen wichtig, die Texte so verständlich zu schreiben, dass jeder sie versteht. 

Die von ihnen gesammelten Lieder veröffentlichen Brentano und von Arnim in einem dreibändigen Werk, das sie „Des Knaben Wunderhorn" nennen. Der erste Band erscheint bereits im Herbst 1805, wird aber auf das Jahr 1806 vordatiert.

Mit den beiden 1808 erscheinenden Folgebänden, die teilweise  gemeinsam mit den Brüdern Grimm in Kassel erarbeitet werden, umfasst die Sammlung insgesamt 723 Lieder und gilt als das Hauptwerk der „Heidelberger Romantik". Die Liedersammlung vermag zwar nicht Napoleon zu vertreiben oder die deutsche Einheit herbei zu führen, ihr großes Verdienst aber besteht vor allem darin, die deutschen Märchen, Sagen und Lieder vor dem Vergessen zu bewahren. 

Obwohl es sich um eine Sammlung von Liedern handelt, veröffentlichen Brentano und von Arnim die Texte ohne Noten. Vielleicht gerade deshalb regt „Des Knaben Wunderhorn" später so viele Komponisten zur Vertonung der Texte an. So zum Beispiel Johannes Brahms („Guten Abend, gut‘ Nacht"), nicht zuletzt auch Gustav Mahler, der zwischen 1892 und 1901 insgesamt 24 der „Wunderhorn-Lieder" vertont. Auch viele  Volkslieder wie „Bettelmanns Hochzeit", „Da oben auf dem Berge", „Ännchen von Tharau", „Bald gras‘ ich am Neckar" und das stets aktuelle Lied „Die Gedanken sind frei" sind noch heute bekannt.

In der Zeit vom 1. April bis 30. August 1808 geben Clemens Brentano und Achim von Arnim auch die „Zeitung für Einsiedler" heraus. Für diese verfassen  auch Friedrich Hölderlin, Ludwig Uhland und Ludwig Tieck Beiträge. Nach 37 Ausgaben muss aber das Erscheinen der Zeitung aus finanziellen Gründen eingestellt werden. 

Im April 1808 verlassen die Brüder Eichendorff Heidelberg und auch von Arnim kehrt im folgenden November Heidelberg den Rücken.
Damit neigt sich die Blütezeit der „Heidelberger Romantik" bald ihrem Ende zu. 

Clemens Brentano

Lied von eines Studenten Ankunft in Heidelberg

In seinem „Lied von eines Studenten Ankunft in Heidelberg“ von 1806 zeigt sich Clemens Brentano von der schönen Stadt begeistert und preist den Neckar und das Alte Schloss.

Der Neckar rauscht aus grünen Hallen
Und giebt am Fels ein freudig Schallen,
Die Stadt streckt sich den Fluß hinunter,
Mit viel Geräusch und lärmt ganz munter,
Und drüber an grüner Berge Brust,
Ruht groß das Schloß und sieht die Lust,
Und da ich auf zum Himmel schaut´,
Sah ich ein Gottes Werk gebaut,
Vom Königstuhl zum heil´gen Berges Rücken
Sah ich gesprengt eine goldne Brücken,
Sah ich gewölbt des Friedens Regenbogen
Und sah ihn wieder in Flusses Wogen
 

Joseph von Eichendorff (um 1810)

In einem kühlen Grunde

Der Kühle Grund ist ein kleines Tal, das von Alt-Rohrbach ostwärts zum Boxberg - dem früheren Wiesengelände der Rohrbacher Bauern - hochführt. Auch jetzt kann man im Kühlen Grund noch Nachtigallen hören. Aber das von Eichendorff besungene Mühlenrad gibt es leider nicht mehr.

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht’ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und geh’n von Haus zu Haus.

Ich möcht’ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will —
Ich möcht’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Joseph von Eichendorff (1855)

Einzug in Heidelberg

Eines der Werke, in denen sich Joseph von Eichendorff an seine Studentenzeit in Heidelberg erinnert ist "Einzug in Heidelberg".

Doch da sie jetzt um einen Fels sich wandten,
Tat's plötzlich einen wunderbaren Schein, 
Kirchtürme, Fluren, Fels und Wipfel brannten, 
Und weit ins farbentrunkne Land hinein 
Schlang sich ein Feuerstrom mit Funkensprühen,
Als sollt' die Welt in Himmelsloh'n verglühen. 
Geblendet sahen zwischen Rebenhügeln 
Sie eine Stadt, von Blüten wie verschneit, 
Im klaren Strome träumerisch sich spiegeln, 
Aus lichtdurchblitzter Waldeseinsamkeit 
Hoch über Fluß und Stadt und Weilern 
Die Trümmer eines alten Schlosses pfeilern. 

Und wie sie an das Tor der Stadt gelangen, 
Die Brunnen rauschend in die Gassen gehn, 
Und Hirten ferne von den Bergen sangen, 
Und fröhliche Gesell'n beim duft'gen Wehn
Der Gärten rings in wunderlichen Trachten 
Vor ihrer Liebsten Türen Ständchen brachten. 
 
Der Wald indes rauscht von uralten Sagen, 
Und von des Schlosses Zinnen über'm Fluß,
Die wie aus andrer Zeit herüberragen,
Spricht abendlich der Burggeist seinen Gruß,
Die Stadt gesegnend seit viel hundert Jahren
Und Schiff und Schiffer die vorüberfahren.
In dieses Märchens Bann verzaubert stehen
Die Wandrer still - Zieh' weiter wer da kann!
So hatten sie's in Träumen wohl gesehen,
Und jeden blickt's wie seine Heimat an,
Und keinem hat der Zauber noch gelogen,
Denn Heidelberg war's, wo sie eingezogen.

Friedrich Hölderlin (1800)

Heidelberg-Ode

Hölderlins Heidelberg-Ode entstand 1800, kurz nach Fertigstellung der Alten Brücke.

Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied, 
Du, der Vaterlandsstädte 
Ländlichschönste, so viel ich sah. 
 
Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt, 
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt, 
Leicht und kräftig die Brücke, 
Die von Wagen und Menschen tönt. 
 
Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst 
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging, 
Und herein in die Berge 
Mir die reizende Ferne schien, 
 
Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog, 
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, 
Liebend unterzugehen, 
In die Fluten der Zeit sich wirft. 
 
Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen 
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn 
All' ihm nach, und es bebte 
Aus den Wellen ihr lieblich Bild. 
 
Aber schwer in das Tal hing die gigantische, 
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund, 
Von den Wettern zerrissen; 
Doch die ewige Sonne goß 
 
Ihr verjüngendes Licht über das alternde 
Riesenbild, und umher grünte lebendiger 
Efeu; freundliche Wälder 
Rauschten über die Burg herab. 
 
Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal, 
An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold, 
Deine fröhlichen Gassen 
Unter duftenden Gärten ruhn. 

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